Geld – Begriffe, Größen und Funktionen (1)

März 4th, 2014

In unserer aktuellen Blog-Serie gibt uns der erfahrene Wirtschaftspraktiker- und -analytiker Helmut Creutz, eine Einführung in die Begrifflichkeit Geld. Wir wünschen eine spannende und informative Lektüre.

Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen auch die Worte nicht, und stimmen die Worte nicht, so kommen auch die Werke nicht zustande. Konfuzius

Begriffe sollen das Begreifen erleichtern. Mit klar abgegrenzten Begriffen und Begriffsdefinitionen werden auch komplizierte Sachgegebenheiten verständlich. Unklare Bezeichnungen stiften dagegen Verwirrung, selbst bei einfachen Vorgängen und Zusammenhängen.

Wer sich, aus anderen Berufsfeldern kommend, mit Geldfragen befasst, wird über die dort zu findenden vielfältigen Widersprüchlichkeiten und Begriffsungenauigkeiten irritiert sein. Da verwechselt man z.B. Veränderungen des Gesamtpreisniveaus mit Einzelpreisschwankungen oder addiert beide unter dem Begriff Inflation. Da werden die Begriffe Profit, Gewinn, Zins, Rendite und Mehrwert für gleiche wie für unterschiedliche Phänomene benutzt. Da bezeichnet man Schecks, Kreditkarten und vor allem auch Bankguthaben als Geld oder fasst sie sogar mit Banknoten und Münzen als Geldmenge zusammen. – Dass solche Begriffsvermischungen und -verwirrungen zu Missverständnissen und Fehlschlüssen führen müssen, liegt auf der Hand.

Nachfolgend wird darum zuerst einmal versucht, Klarheit in die Begriffe und Funktionen zu bringen.

Was ist Geld?

Allein mit Antworten auf diese Frage kann man ganze Bücher füllen! Geld ist zuerst einmal eine ganz phantastische Erfindung, vergleichbar mit der des Rades. So wie mit dessen Hilfe der Transport von Gütern auf eine vorher unvorstellbare Weise erleichtert wurde, so mit dem Geld der Tausch. Ohne Geld war nur ein direkter Tausch von Leistung gegen Leistung möglich. Der Korbmacher beispielsweise, der neue Schuhe brauchte, musste erst einen Schuhmacher finden, der einen Korb benötigte. Dabei musste dann auch noch der Wert beider Produkte in etwa gleich sein, damit der Tausch überhaupt zu Stande kam. Dieses Beispiel zeigt bereits, wie eng die Grenzen geldloser Märkte gezogen waren und die Entwicklung von Spezialisierung und Arbeitsteilung nur geringe Chancen hatten.

Aus der Sicht des Leistungstausches ist Geld also ein universeller Vermittler. Geld ermöglicht es, Leistungen an jeden daran Interessierten zu verkaufen und mit dem empfangenen Tausch- oder Zwischentauschmittel – zeit- und ortsungebunden – eine beliebige Gegenleistung bei jedem anderen Marktteilnehmer nachzufragen.

Geld

Was ist Geld?
Bildquelle: Flickr, epSos .de, CC BY 2.0

Diese Vermittlerrolle hatten im begrenzten Umfang bereits vor dem Geld bestimmte langlebige Waren. Vor allem solche Waren, die man notfalls selber aufbrauchen konnte, wie z.B. Salz, Getreide, Teeziegel, Kakaobohnen usw. Doch so sehr sich diese Waren aufgrund ihrer relativ langen Lebensdauer auch als Zwischentauschmittel eigneten, so waren sie in der Handhabung jedoch unpraktisch und verloren außerdem mit der Zeit an Wert. Das zählbare, haltbare und leicht transportierbare Münzgeld dagegen, das dazu noch die zu tauschenden Güter auf einfache Art mit eingeprägten Zahlen vergleichbar machte, brachte den Durchbruch zu einer Wirtschaftsentwicklung, ohne die unsere heutige Zivilisation wie auch unser Wohlstand undenkbar wäre.

Was versteht man heute unter Geld?

Mit dieser Frage hat man im Allgemeinen keine Schwierigkeiten. Geld ist für den Bürger immer noch das Medium, das man als Münzen und Scheinen in seinem Portemonnaie oder seiner Brieftasche mit sich herumträgt bzw. zu Hause irgendwo als Reserve liegen hat. Aber auch die Bestände auf den Sichtguthaben, den Girokonten, – seit langem für Zahlungen benutzt – werden als Geld angesehen. Deshalb hat sich inzwischen für diese Guthaben der Begriff Giralgeld oder Buchgeld eingebürgert, obgleich das irreführend ist. Denn diese Geldguthaben sind lediglich Ansprüche auf Rückerhalt von Geld, dass man der Bank zwischenzeitlich zur Weiterverwendung überlassen hat. Mit Hilfe der Banken kann man diese Guthaben – ohne Abhebung und Wiedereinzahlung von Geld – lediglich an Stelle von Geld an Dritte übertragen! Irreführenderweise werden in der Wissenschaft jedoch nicht nur diese Sichtguthaben als Geld bezeichnete, sondern häufig sogar sämtliche Bankguthaben. Das heißt, man spricht nicht nur von Bar- und Giralgeld sondern auch von Spar- und Termingeld und fasst diese Bestände, zusammen mit dem Bargeld, sogar als Geldmengen M1, M2 oder M3 zusammen. Einzelne, wie der Exbankier von Bethmann, lassen sogar schon mit jeder offenen Rechnung Geld “entstehen”, das mit der Begleichung der Rechnung wieder vernichtet wird, usw.. – “Im Grunde weiß niemand mehr, wo Geld aufhört!”, formulierte ein Referent der Deutschen Bundesbank einmal diesen Zustand. – Also ein Vertreter jener Behörde, die für die Steuerung der Geldmenge zuständig ist!
Auch ein Studium der Lehr- und Geschichtsbücher hilft bei der Eingrenzung und dem Verständnis von Geld kaum weiter. Dafür geben die folgenden chronologisch wiedergegebenen Zitate Zeugnis:

“Geld ist nur um des Austausches willen geschaffenes Zeichen”
(Platon, um 380 v. Chr.)

“Geld regiert die ganze Welt” (Publ. Syrus, 1.Jhdt. v. Chr.)

“Geld hat die Aufgabe den Tausch zu erleichtern”
(Th. von Aquin, um 1250)

“Geld ist das Blut der Volkswirtschaft” (J. Bodin, 1580)

“Geld ist das Brecheisen der Macht” (Fr. Nietzsche 1880)

“Geld ist eine neue Form der Sklaverei” (L. Tolstoi, 1980)

Aber auch die folgenden Zitate von drei deutschen Ökonomen aus dem 20. Jahrhundert schaffen eher Verwirrung als Klarheit:

“Geld ist ein generelles Gut nominaler Geltung” (F. Lütje)

“Geld ist ein Geschöpf der Geldordnung” (G.F. Knapp)

“Geld ist, was gilt” (G. Schmölders)

Angesichts solcher Aussagen ist die des deutschen Notenbankers und ersten Chefvolkswirts der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing, fast beruhigend: “Ganze Berge wissenschaftlicher Literatur zeugen davon, dass der Geldbegriff in den Wirtschaftswissenschaften alles andere als unumstritten ist”. Dabei ist die Antwort, entsprechend der Definition des Ökonomen Schmölders, ganz einfach: Geld ist das in einem Wirtschaftsraum allgemein akzeptierte und gesetzlich festgelegte Zahlungsmittel, das von den Zentralbanken ausgegeben wird!

Sind Schecks, Kredit- und Geldkarten Geld?

Auch diese Zahlungs-Hilfsmittel sind kein Geld. Mit ihnen werden letztlich immer nur Sichtguthabenbestände übertragen, gleichgültig ob mit Überweisungen, Dauer- und Abbuchungsaufträgen. Bei der Nutzung von Kreditkarten finden diese Übertragungen erst mit Verzögerung statt, nämlich bei der Abrechnung der Kreditkartengesellschaft mit den Zahlungsempfängern, bei der das Girokonto des Zahlers belastet wird. Bis zu dieser Abbuchung gibt der Laden-Inhaber die gekaufte Ware also auf Kredit, woraus sich der Name der Karte ableitet.

Geldkarten

Geldkarten
Bildquelle: Flickr, Sean MacEntee, CC BY 2.0

Neben diesem Nachteil verzögerter Bezahlung, muss der Verkäufer auch noch eine Provision von zwei bis fünf Prozent an die Kreditkartengesellschaft zahlen, Verluste, die er in seine Preise einkalkulieren muss. Das heißt, die Bequemlichkeit der Kreditkarten wird auch von denjenigen mitbezahlt, die sie nicht benutzen. Geldkarten wiederum sind vorausbezahlte Zahlungshilfen, die praktisch wie Telefonkarten funktionieren. Sie können jedoch bei der Bank durch Bargeldeinzahlungen oder Abbuchungen vom Girokonto immer wieder aufgefüllt werden. Inzwischen sind alle diese bargeldlosen Übertragungsmöglichkeiten durch die EC- und anderen Karten überholt, mit denen man den Kaufwert direkt vom eigenen Konto auf das des Verkäufers übertragen kann. Aber auch alle diese elektronischen Zahlungs-Hilfsmittel bewirken letztlich immer nur eine Übertragung von Ansprüchen auf Geld ohne die Geldmenge selbst zu verändern.

Was ist mit der Geldmenge?

Churchill hat einmal gesagt, dass man bei einer gleich lautenden Frage an vier Ökonomen fünf verschiedene Antworten erhalten würde. Stellt man heute die Frage nach der Geldmenge, dann erhält man sogar ein Dutzend Antworten zur Auswahl, die vom Bargeld über Bankeinlagen bis zu sämtlichen Geldvermögenswerten reichen. Die hauptsächlichen Irritationen in Bezug auf Geldbegriff und -menge hängen jedoch mit der Fehlbenennung der Sicht-, Spar-, Termin- und sonstigen Bankeinlagen als Geld zusammen. Dies wird häufig auch damit begründet, dass sich die genannten Guthaben durchweg rasch liquidieren, also in Geld zurückverwandeln lassen. Aber auch wenn man seinem Nachbarn Geld nur für einen Tag oder eine Stunde leiht, die Liquidität also nur kurzfristig aufgibt, vergrößert sich nicht die Geldmenge. Allenfalls kommt es zu einer Vergrößerung der Geldnutzung, des so genannten Geldumlaufs.

Gleichgültig also, ob ich meinem Nachbarn Geld leihweise zur Verfügung stelle oder einer Bank die es weiter verleiht: Eine Vermehrung von Geld ist damit nicht verbunden, selbst dann nicht, wenn diese Überlassung mehrfach verbucht wird. Und das gilt auch für die Sichtguthaben bzw. Girokonten, auf die wir noch zu sprechen kommen.

Wie kann man Geld definieren?

Versucht man einmal, Geld nach seinen Aufgaben und Funktionen zu definieren, dann kann man es u.a. bezeichnen als

  • Tauschhilfs- bzw. Zahlungsmittel
  • Recheneinheit
  • Wertmesser oder Preisvergleicher
  • Wertaufbewahrungs- und Wertübertragungsmittel.

Geht man von der Rechtslage bzw. der Dokumentationsseite aus, dann ist Geld – eine anonyme Bestätigung für eine eingebrachte Leistung, – ein weiter zu gebendes Anspruchsdokument auf das Sozialprodukt, – das gesetzliche und unter Annahmepflicht stehende Zahlungsmittel. Legt man diese Definitionen zu Grunde, dann ist die Frage “was ist Geld?” nochmals beantwortet, nämlich jenes Medium, auf das alle drei vorgenannten Kriterien zutreffen! Das aber ist bislang nur bei den Geldscheinen und Münzen der Fall, also bei dem Bargeld, das von den Staaten als Zahlungs- und Schuldentilgungsmittel herausgegeben wird.

Auf die in der Fachwelt ebenfalls als Geld bezeichneten Phänomene, wie Sichtguthaben, Schecks, Kreditkarten usw., treffen die angeführten Kennzeichnungen allenfalls in einzelnen Punkten zu. Man sollte sie darum konsequenterweise auch nicht als Geld bezeichnen. Selbst bei den für Zahlungszwecke genutzten Sichtguthaben ist die heute übliche Bezeichnung Giralgeld so lange fragwürdig, wie diese Guthabenbestände nicht dem Bargeld rechtlich und funktional gleichgestellt sind. Das aber wäre nur der Fall, wenn man – wie vor hundert Jahren bei den von den Banken eingeführten Banknoten – das Giralgeld zum offiziellen Geld erklären und seine Ausgabe durch die Notenbanken übernehmen würde. – Eine Maßnahme die ab und zu diskutiert wird, aber nur schwer zu realisieren sein dürfte.

Im nächsten Beitrag befassen wir uns mit Zweck und Verwendung des Geldes und beantworten unter anderem folgende Fragen:

  • Warum ist Geld der Arbeit und den Gütern überlegen?
  • Woher bekommt das Geld seinen Wert?
  • Wie viel Bargeld gibt es eigentlich?

Mehr zum Thema erfahren Sie im Buch Das Geld Syndrom von Helmut Creutz.

Quelle: Helmut Creutz: Das Geld Syndrom 2012: Wege zu einer krisenfreieren Wirtschaftsordnung; Hochschulverlag; Auflage: 1 (2. August 2012)

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Helmut Creutz

Helmut Creutz, geboren 1923, ein erfahrener Wirtschaftspraktiker und- analytiker, hat in zahlreichen Veröffentlichungen, Vorträgen und Seminaren seine wirtschaftsanalytischen Untersuchungen dargelegt. 1990 erhielt er einen Lehrauftrag an der Universität Kassel und wurde mehrfach für den alternativen Nobelpreis vorgeschlagen.

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